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Wie die Ostereier ihre bunte Farbe bekamen


Vor langer Zeit, als die Ostereier noch braun oder weiß waren und sonst keine Farbe hatten, lebte der kleine Hase Moritz in einem weit entfernten Wald. Moritz kannte es nicht anders, doch seine Familie war etwas ganz Besonderes. Denn einmal im Jahr, immer zum Osterfest, zog sein Vater aus, um Eier und kleine Geschenke an die Menschenkinder zu verteilen. Er war der echte Osterhase!

Auch in diesem Jahr bereitete sich die Hasenfamilie auf das wichtige Fest vor. Es gab viel zu tun, und alle waren sehr beschäftigt. Alle, bis auf Moritz!

“Darf ich mitfahren? Bitte!“ Moritz hoppelte zu seinen beiden Geschwistern, die gemeinsam eine Schubkarre mit Stroh für die Osternester schoben. Flick und Flack, so hießen seine älteren Brüder, schüttelten jedoch ablehnend mit dem Kopf.
„Geh zur Seite, Moritz!“, keuchte Flick, der die schwere Karre schob.
„Aus dem Weg!“, forderte auch Flack. „Wir können nicht anhalten, sonst rutscht das ganze Stroh runter.“ Tatsächlich schwankte der Strohhaufen auf der Schubkarre bedenklich hin und her. Flick und Flack hatten die Karre so hoch beladen, wie es nur ging. Dann brauchten sie nämlich nur einmal den Weg von der Scheune zum Schuppen zu fahren.

Enttäuscht ließ Moritz die Ohren hängen und blickte der schwankenden Fuhre hinterher. Dann schlurfte er langsam in die Küche zu seiner Mutter. „Darf ich dir helfen, Mama?“, fragte Moritz. „Mir ist so langweilig. Alle haben etwas zu tun, nur ich nicht“, meckerte er.
Die Hasenmutter legte das Messer beiseite, mit dem sie eine Speckschwarte in schmale Streifen geschnitten hatte. Sie streichelte Moritz tröstend über die langen Ohren. „Ich weiß, mein Schatz“, sagte sie. „Aber schau, du bist doch noch so klein. Du kannst uns noch nicht bei den Vorbereitungen helfen. Das Osterfest ist so wichtig, da dürfen wir nichts falsch machen. Warum malst du nicht ein schönes Bild?“, schlug sie Moritz vor.
„Keine Lust!“, motzte der kleine Hase. Neugierig betrachtete er die Speckstreifen, die auf dem Tisch lagen. „Wofür sind die?“, fragte er.
„Damit reiben wir die Eier ab, bevor sie dein Vater zu den Menschen bringt“, erklärte die Hasenmutter. „So bekommen die braunen und weißen Ostereier einen schönen Glanz.“
Moritz stupste ein Stückchen Schwarte mit der Pfote an. Es fühlte sich glitschig an, stellte er fest.
Seine Mutter nahm den Speckstreifen und legte ihn, zusammen mit allen anderen, in eine Schale. “Du darfst die Schüssel in den Schuppen tragen“, lächelte sie. „Aber sei vorsichtig, damit du sie nicht fallen lässt.“

Moritz freute sich, dass er helfen durfte, und er versprach gut aufzupassen. Ganz fest hielt er Schüssel an sich gedrückt als er über den Hof ging. Kein Auge wandte er von ihr. Von wegen zu klein, dachte er stolz. Ich kann genauso gut helfen, wie Flick und Flack.
Dann passierte es! Weil Moritz nur auf die Schale schaute, bemerkte er das Huhn Emma nicht, das vor dem Schuppen in der Sonne döste. Schritt für Schritt steuerte Moritz genau auf Emma zu, die sich mit geschlossenen Augen sonnte. Er kam ihr näher und näher, nur noch ein einziger Schritt, und Moritz würde über das Huhn stolpern. In diesem Augenblick öffnete Emma ihre Augen. Sie sah den kleinen Hasen, gackerte laut vor Schreck und hüpfte blitzschnell zur Seite. Moritz erschrak so sehr, dass er beinahe die Schale fallen gelassen hätte. „Was machst du für einen Krach?“, schimpfte Moritz, als er die Schüssel endlich wieder fest in seinen Pfoten hatte. „Beinahe wäre der Speck im Sand gelandet!“

“Ist das deine einzige Sorge?“, gackerte die junge Henne aufgebracht. „Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt! Kannst du nicht aufpassen?“
Moritz scharrte verlegen mit den Füßen. „Es ist nur … ich wollte doch bloß vorsichtig sein, damit ich die Schüssel nicht fallen lasse. Dabei habe ich dich einfach übersehen.“
“Schon gut, es ist ja nichts passiert“, meinte Emma. Sie schüttelte ihr Gefieder und hockte sich wieder gemütlich in den warmen Sand.

Inzwischen öffnete Moritz die Schuppentür. Sie knarrte ein bisschen, als sie aufschwang. Mit großen Augen blickte sich der kleine Hase im dämmrigen Schuppen um. In der Mitte des Raumes lag ein großer Haufen Stroh.
Den haben bestimmt Flick und Flack hier abgeladen, dachte Moritz.
Doch ein anderer Haufen interessierte ihn viel mehr: Neben dem Stroh türmten sich unzählige Eier – große und kleine, braune und weiße. So viele von ihnen hatte Moritz noch nie gesehen. Staunend stellte er seine Schüssel auf den Boden.
Moritz versuchte ein Ei aus dem Stapel herauszuziehen. Aber das Ei steckte zwischen den anderen Eiern fest. Moritz zog stärker. Auf einmal gab es ein knackendes Geräusch. Sofort zog Moritz seine Pfote zurück. Doch zu spät – das Ei war zerbrochen. Ups, dachte Moritz erschrocken. Das würde Ärger geben! Grübelnd wischte er sich die klebrige Pfote am Fell ab. „Ich werde einfach etwas Stroh über den Eierklecks legen“, überlegte Moritz. „Dann merkt es keiner.“

Danach hoppelte er neugierig zum Tisch, der unter dem einzigen Schuppenfenster stand. Auf dem Tisch lagen bunte Blumen, etliche Schleifen und einige Schokoladenhasen für die Osternester. Ganz am Rand lagen noch Moritz Malpapier, seine Buntstifte und einige Pinsel.
Moritz bekam jetzt doch Lust zum Malen. Er wollte für seine Mama ein buntes Bild mit Ostereiern auf einer Wiese malen. Darüber würde sie sich bestimmt freuen. Aber der grüne Stift, den er in die Pfote nahm, war stumpf. Moritz seufzte ungeduldig. Ohne Grün konnte er keine Wiese malen.
Nachdenklich blickte er sich um. An der Wand neben dem Strohhaufen waren hohe Regale angebracht. Darauf standen Dosen. Farbdosen, erinnerte sich Moritz. Bestimmt war auch grüne Farbe dabei. Eilig hopste er zum Regal.
So ein Glück, freute sich Moritz. Genau vor den Farbdosen stand die lange Leiter. Ein bisschen mulmig war ihm schon zumute, als er den Fuß auf die erste Sprosse der hohen Leiter stellte. Doch entschlossen kletterte er hinauf.
Oje, ist das hoch, dachte Moritz und schluckte, als er einmal kurz nach unten schaute. Doch eisern klammerte er sich an der Leiter fest – und dann war er oben. Er öffnete die erste Dose. Darin war gelbe Farbe. Moritz verzog die Schnute; doch so schnell gab er nicht auf. Der Reihe nach öffnete er weitere Dosen und brachte rote, blaue, orange und weiße Farbe zum Vorschein. Kein Grün! Ganz oben im Regal stand noch eine allerletzte Dose. Moritz streckte sich so weit er konnte. Endlich erwischte er sie. Diesmal saß der Deckel sehr fest. Moritz ächzte und stöhnte. Dann gab der Deckel nach. „Grün!“, jubelte Moritz laut.

Genau in diesem Moment tauchte Emma im Stall auf. Sie entdeckte Moritz auf der Leiter und stürzte flatternd auf ihn zu. „Ich habe mein erstes Ei gelegt, Moritz“, krakelte sie ihm laut ins Ohr.
Moritz blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Mit einem flatternden, kreischenden Huhn hatte er überhaupt nicht gerechnet. Er verlor auf der Leiter das Gleichgewicht. Erschrocken ließ er die Dose mit der grünen Farbe los. Sie knallte auf den Boden. Hektisch versuchte Moritz sich an den anderen Dosen festzuhalten, doch das klappte nicht. Er stieß sie dabei nur um. Moritz fiel rücklings von der Leiter und landete – im weichen Heuhaufen. Um ihn herum polterten Dosen auf den Boden. Farbe spritzte durch den ganzen Raum.

Fassungslos schaute Emma auf das Durcheinander, das sie angerichtet hatte. Dann scharrte sie hektisch im Strohhaufen und half dem kleinen Hasen sich daraus zu befreien. Endlich tauchte er wieder auf.
„Moritz! Ist dir auch nichts passiert?“, gackerte Emma aufgeregt.
„Mir geht’s gut“, beruhigte sie der kleine Hase und spuckte einige Strohhalme aus. „Aber die Eier …“ Es verschlug ihm die Sprache.

Jetzt erkannte auch Emma das Drama. Nicht nur der Schuppen, auch die Eier waren voller Farbkleckse. Sie sahen bunt und scheckig aus. Ganz und gar nicht wie die glänzenden Ostereier, die der Osterhase nachher an die Kinder verteilen wollte.
„Was machen wir jetzt nur?“, stöhnte Emma entsetzt. „Die Farbe kriegen wir nie wieder runter.“
Moritz nahm sich ein grün und gelb bespritztes Ei und betrachtete es genau. „Es sieht aus wie eine Frühlingswiese“, murmelte er nachdenklich. Auf einmal hatte er einen Einfall. „Ich hab’s! Wir malen Bilder auf die Eier“, schlug er vor.
Hoffnungsvoll blickte Emma ihn an. „Du meinst, wir machen die Eier noch bunter?“, fragte sie.
“Genau!“, stimmte Moritz zu. „So scheckig können sie nicht bleiben. Aber wenn wir aus den Flecken Bilder machen oder Muster, dann kann Papa sie vielleicht doch noch verteilen.“

Emma war begeistert, und sofort machten sich die Beiden an die Arbeit. Moritz malte blaue Eier mit weißen Wolken, gelbe Eier mit orangefarbenen Kringeln und grüne Eier mit roten Streifen. Emma tupfte mit dem Schnabel kleine Punkte auf die Eierschalen. Sie waren so beschäftigt, dass sie Moritz Vater erst bemerkten, als er direkt neben ihnen stand. „Was ist denn hier los?“, polterte der Osterhase unwirsch. Moritz und Emma schluckten. Doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, sie mussten von ihrem Missgeschick berichten.

Kleinlaut erzählte Moritz die ganze Geschichte bis zum Schluss. „… Und darum haben wir beschlossen, die Eier richtig schön anzumalen“, endete er.
„Die Idee ist nicht schlecht“, brummelte der Osterhase. „Aber ich weiß wirklich nicht, was die Menschen zu diesen bunten Dingern sagen werden“, seufzte er. Dann rief er die ganze Hasenfamilie herbei, und alle halfen mit, die restlichen Eier zu bemalen. Das machte ihnen Riesenspaß! Bald kicherten sie vergnügt und versuchten sich gegenseitig mit auffallenden Mustern zu übertrumpfen. Nur der Osterhase schaute weiterhin sorgenvoll drein. „Was werden nur die Menschen sagen?“, murmelte er immer wieder.

Dann war es soweit. Der Osterhase füllte die farbigen Eier in seine große Rückentrage und machte sich notgedrungen auf den Weg zu den Menschen. Er schämte sich, dass er statt der glänzenden braunen und weißen nun diese bunten Eier verteilen musste. Daher legte er sie nicht wie sonst direkt vor die Haustüren, sondern versteckte sie unter Büschen, Gartenbänken und hinter Zäunen. Als die Kinder in die Gärten liefen, um ihre Eier abzuholen, waren sie zuerst ganz verblüfft. Doch dann machte ihnen das Suchen nach den Osternestern genauso viel Spaß, wie die bunten Farben und Muster auf den Eiern. Der Osterhase war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Da hatte Moritz ja eine richtig tolle Idee, schmunzelte er und beschloss, ab sofort jedes Jahr bunte Ostereier zu verstecken. Und so ist es bis heute geblieben.
 

Müssen es immer Eier sein?

 


MfG

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